Biographische Splitter
über Neese himself ...

 
Anmerkung zur Kommunikation
Kommunikation ohne Fehlverständnisse ist unmöglich. Wenn aber JEDER mit dem Wissen an ein Gespräch herangeht, dass sein Gegenüber weder verstehen wird, was er sagt, geschweige denn, was er meint, und dies bei seiner Rede und der seines Gegenübers berücksichtigt, wird man zumindest besser miteinander umgehen. In diesem Sinne ...
 
1962
In der Volksschule musste man sich entweder im Chor oder im Orchester beteiligen. Da ich kein Instrument spielen konnte, stand ich beim Chor, bis mich die Lehrerin dann doch überredet hat, dringend Blockflöte spielen zu lernen …
 
1963
Ich musste einmal in meiner Schulzeit nachsitzen. (Das war damals eine gewichtige Strafe.) Aus irgendeinem Grund wollte mich einer der Schul-Rowdys verkloppen. Er fing an auf mich einzuschlagen und ich habe mich gewehrt. Da kam die Lehrerin dazu und wir mussten beide nachsitzen. Ich war total empört, habe auch bei der Lehrerin protestiert, aber wohl nicht mit den richtigen Argumenten. Wahrscheinlich hätte ich mich verprügeln lassen sollen.
Und vielleicht war dies das erste Mal, das mein Vertrauen in die Grundwerte unserer Republik erschüttert wurde ...
 
1965
Bei einem Urlaub in Dänemark mieteten meine Eltern ein Häuschen. An der Wand entdeckte ich einen Keramikbehälter, auf dem ein dänischer Spruch stand. Den lernte ich auswendig. Als ich ihn stolz beim Essen im Restaurant anbrachte und der Kellnerin sagte: "Jeg kann göre nytte som tälstyk skralde bötte!", fing sie an zu lachen. Meine Eltern kriegten dann heraus, dass der Spruch bedeutete: "Ich bin dazu da, Streichhölzer aufzubewahren."
(Keine Gewähr für korrekte Schreibweise!)
 
1966
Beginn des Schuljahres im neuen Gymnasium Buckhorn mit zwei Fünften, einer Sechsten und einer Siebten Klasse. Ich sollte in die 6. Klasse gehen. Am ersten Schultag war die Aula verschlossen und es hing ein Zettel an der Tür, dass die Schule erst zwei Wochen später beginnt, da noch keine Tische und Stühle da seien. Alle Schüler liebten das Gymnasium Buckhorn.
 
1967 (in etwa)
Ich hatte mich mit meinem Bruder gestritten. Und während dann die ganze Familie bei einem Ausflug im Auto über die Landstraßen fuhr, wollte ich ihn ärgern und sagte, während ich auf eine Schafherde deutete: "Guck mal, Heinz, da ist dein Bruder!"
 
1968
Oma Anna flüchtete während einer Silvesterfeier bei uns in ein dunkles Zimmer und blieb da, weil sie das Geknalle an den Krieg erinnerte. Seitdem habe ich auf jegliche Silvester-Knallerei verzichtet.
 
1972
Unsere Kunstlehrerin am Gymnasium Buckhorn galt als Koryphäe. Das war mir damals sehr egal, Kunstunterricht war für mich meist elitär und vieles, was da so geredet wurde, an den Haaren herbeigezogen. Ich amüsierte mich, wenn beim Thema Bildanalysen aus der Anzahl der Finger an einer Hand auf die Bedeutung der gemalten Figur im gesamten Bild geschlossen wurde … (So sah ich das zumindest!)
Das Unheil nahte: jeder Schüler bekam ein Bild zugewiesen und durfte als Hausarbeit eine Bildbesprechung schreiben. Mist. Ich setzte mich ran und fand in meinem Bild mehrere Paare. Daraus leitete ich Beziehungen her und schrieb einen recht umfassenden, immerhin zusammenhängenden Text. Zwar war ich skeptisch, ob der Künstler wirklich so geplant hatte, wie ich es beschrieben hatte, aber ich fand ich meine Argumentation auf jeden Fall logisch.
Dann musste ich mein Bild auch noch im Unterricht vorstellen und erklären. Es wurde ein Reinfall. Die Lehrerin weigerte sich einfach, meine Schlüsse als logisch anzunehmen. Ja, da stehen zwei nebeneinander, aber das muss doch nichts bedeuten. Leider habe ich irgendetwas in der Art geantwortet wie "Sehen Sie, das habe ich mir bei Ihren Erklärungen auch immer gedacht.".
Sie mochte mich sowieso nie.
 
1978
Während meines Germanistik-Studiums genoss ich es, manche Kommilitonen mit der Bemerkung zu irritieren, ob Karl May nicht Besseres als Goethe geschrieben hätte, wenn er dessen Bildungsvoraussetzungen gehabt hätte. Es gab meist eine große Empörung, dass ich es überhaupt wage, diese beiden Namen in einem Satz zu sagen. Ähnliche Reaktionen bei den Vertretern des MSB Spartakus, wenn ich sagte, dass Udo Jürgens mit seinen Liedern wie "Ehrenwertes Haus" mehr politisches Bewusstsein erzeuge als Hannes Wader während einer ganzen Tournee. Wader spiele ja nur vor Leuten, die ohnehin schon seine Ansicht haben. Waren immer lustige Debatten!
 
1978
Dietrich Kittner trat an der Hamburger Uni auf. Kittner ist einer der wortschärfsten Kabarettisten Deutschlands, zu links, als dass er einem breiteren Publikum bekannt sein darf. Auf ihn traf auch mein Spruch von Hannes Wader zu, dass er bei seinen Auftritten niemanden überzeugen könne, da ohnehin alle schon seine Meinung hätten.
Allerdings konnte er auch seine linken Zuhörer schocken. Plötzlich fand er einen banalen Anlass, um einen schlechten Ostfriesenwitz zu erzählen (die kamen damals gerade in Mode): "Wissen Sie, warum die Ostfriesen ohne Kopf begraben werden? Die Köpfe gehen nach Holland, werden Holzschuhe draus gemacht." Es gab immer viele, die gelacht haben, schließlich war man ja auch gerade andauernd am Lachen. Kittner schweigt zwei Sekunden und sagt dann: "Das scheint ja einigen gefallen zu haben. Dann will ich euch mal erzählen, wie der Witz einige Jahre früher ging: Wissen Sie, warum die Juden …"
So eine betroffene Stille habe ich nie wieder erlebt! Kittner löste das natürlich schnell wieder auf, aber die Erfahrung hatte jeder gemacht!
 
1980
Zu meinen Uni-Zeiten gab es die unterschiedlichsten politischen Gruppierungen, die auch mit unterschiedlichem Verständnis an ihr Engagement herangingen. So gab es eine Gruppe, die aus dem Fachbereich Psychologie kam (Standard-Spruch an der Uni: wer Psych studiert, hats nötig.) Diese Gruppe musste sich natürlich wie alle von allen abgrenzen und tat das u.a. durch einen Slogan, an dem sie vermutlich ein paar Nächte gesessen hatten. Bei einer Seminaragitation (so nannte man es, wenn ein politischer Vertreter in ein Seminar kam und informieren wollte) kam ein recht schüchternes Mädchen zu uns, hielt ihren Vortrag, den das gesamte Seminar geduldig über sich ergehen ließ, stellte fest, dass es keine Nachfragen gab und ging. Nach zwei Schritten fiel ihr ein, dass sie etwas vergessen hatte. "Ach ja", sagte sie und drehte sich noch mal zu uns und streckte die geballte Faust hoch. "Freiheit und Zorn - Aufbruch und Glück!" Und ging endgültig.
 
1982
In der vollen Kneipe, im gemütlichen Gespräch, alle bester Laune und freundlicher Gesinnung: dann aufstehen und laut durch den ganzen Raum schreien: "Ich bin völlig normal!!!" - So waren wir damals.
 
1983
In meiner Musikkneipe arbeitete ich damals meist bis gegen 4 Uhr morgens und ging dann zu Fuß auf einen Absacker ein Stückchen weiter. Der Wirt sah mich als Freund des Hauses und hatte eine sehr Neese-freundliche Abrechnungsweise. Egal, ob ich wenig oder mehr getrunken hatte oder was ich noch verzehrt hatte, er überlegte eine Weile, tat so, als ob er rechne und sagte dann "Fünf Mark!". Ich bedankte mich und zahlte den Heiermann.
Dann hatte ich beschlossen, eine Zeitlang keinen Alkohol zu trinken und bestellte auch im Mikis am Grindel nur eine Selter (kostet 1,80 Mark). Der Wirt sah gar nicht auf meinen Zettel und sagte automatisch seine 5 Mark, die ich lachend auch zahlte.
Dadurch wurde er erst aufmerksam und wir redeten ein wenig. Er sagte: "Ja, ist gar nicht schlecht, mal ein wenig auf Alkohol zu verzichten. Ich habe auch die letzten beiden Tage keinen Alkohol getrunken." Ich stutzte und sagte: "Aber hör mal, ich war doch beide Tage hier und habe dich jede Menge Bier und Wein trinken sehen." - "Ja", sagte er. "Bier und Wein, aber keinen Alkohol!"
 
1984
Irgendwann fing die Kalauerei mit Erhardt-, Otto- und Loriot- sowie "Dinner for one"-Zitaten an, überhand zu nehmen. Ein noch recht jugendlicher Musiker hatte noch nie Heinz Erhardt im Original gehört und fragte, ob wir das mal spielen könnten. Wir legten am frühen Abend, als wir noch unter uns waren, eine Kassette ein. Obwohl x-mal gehört, bogen wir uns vor Lachen an diversen Stellen. Der Junge hörte ganz konzentriert zu und lachte kein einziges Mal. Hinterher sagte er: "Naja, da waren ein paar Wortspiele, aber zum Lachen fand ich es eigentlich nicht sonderlich." Für uns brach fast eine Welt zusammen. Auch wenn ich mir das natürlich erklären kann - wir hatten Heinz Erhardt auch vor Augen, er nicht.
 
1985
Mit diversen Stammgästen vom "Zartbitter" waren wir regelmäßig bei den Volleyballspielen des HSV und feuerten Fränkie (Frank Mackerodt) und Co. an. Einmal war ein Europapokalspiel gegen eine italienische Topmannschaft, die natürlich absoluter Favorit war. Aber trotzdem waren wir alle siegessicher und optimistisch. Dann wurden die Hamburger so verprügelt, dass es sehr still wurde in der Halle. Die ersten beiden Sätze gingen glatt verloren, im dritten Satz ließen die Italiener den HSV etwas mitspielen.
Als der HSV den Anschlusspunkt zum 11:13 schaffte, gab es wieder Sprechchöre. Damals wurde gerade das "Jetzt geht's los!" modern, also schrie dies die ganze Halle. Nächster Ballwechsel, wuchtiger Angriff der Italiener, keine Chance für den HSV. Stille in der ganzen Halle. Nur von irgendwo her kam eine dünne Stimme "Jetzt wird's eng!"
 
1988
Eines Abends in unserer Altonaer Kneipe "Kick & Company" saß ich früh Abends am Tisch und beschrieb Werbetafeln mit einem Sonderangebot. Hinterm Tresen arbeitete jemand mit Spitznamen Beben und ich fragte ihn etwas, schaute dabei während des Schreibens hoch und ihn an. Als ich wieder auf den Karton sah, stellte ich fest, dass ich mich leicht verschrieben hatte. Statt "Frische Erdbeeren" hatte ich "Frische Erdbeben" geschrieben.
 
1990
Seit 1990 liebe ich Dresden. Ich nutzte ein verlängertes Wochenende, um das Karl-May-Museum in Radebeul bei Dresden zu besuchen. Insbesondere zwei Erlebnisse blieben im Gedächtnis: in der Wandelhalle des Hauptbahnhofs war um eine Säule herum eine Modelleisenbahn gebaut, wie üblich unter einem Glaskasten geschützt. Ich sah die Säule entlang nach oben und entdeckte in einigen Metern Höhe einen Globus und auf Äquatorhöhe einen Schienenstrang. Auf den Schienen sauste in einem Affenzahn eine winzige Lokomotive …
Und eines Abends hatte ich Appetit auf Pizza. Ich sah im Ortsverzeichnis nach, in ganz Dresden wurden zwei Pizzerias angeboten (war ja erst kurz nach der Wende). Die eine lag in der Nähe meines Hotels, es war ein Altbau-Mietshaus, im Erdgeschoss waren ein paar kleine Tische von Sesseln und Sofas umgeben. Sehr gemütlich. Fasziniert las ich, dass an der Hauswand dieser einen von zwei Dresdner Pizzerias neben dem Namen der Werbeslogan stand: "In Dresden die Nummer eins!"
 
1996
Als die Verlängerung der Ladenschlusszeiten anstanden, gab es in der Gaststätte, in der ich damals arbeitete, regelmäßig heftige Diskussionen. Zwei Gäste arbeiteten im Einzelhandel und waren dagegen, die meisten anderen dafür. Als man sich irgendwann die Puste aus dem Leib gezankt hatte, wurde ich gefragt, ob ich eine Meinung dazu habe. "Ich bin dafür." sagte ich und manches Auge strahlte. "Aber nur, wenn das für alle Arbeitsbereiche gilt, wenn du als Versicherungsangestellte also auch mal von 20 bis 22 Uhr Sprechstunden geben musst und der Herr Rechtsanwalt ebenso."
Aus irgendeinem Grund entstand plötzlich ein neues Gesprächsthema.
 
1997
In einer Gaststätte hatten wir eine Fußballmannschaft, denen ich vorschlug, doch mal ein Freundschaftsspiel gegen ein anderes Lokal zu machen. Nein, wurde mir geantwortet, die haben ja eine Polizeimannschaft, gegen die spielen wir nicht.
Es dauerte eine Weile, bis ich kapierte. Die Mannschaft nannte sich "Othmarschener Bullen", hatte aber mit der Polizei nicht im Geringsten etwas zu tun.
 
1998
Lustige Diskussionen gab es mit Radfahrern, als sie manche Einbahnstraßen in beide Richtungen befahren durften. Prompt wurde behauptet, dass die Radfahrer alle Einbahnstraßen in beide Richtungen befahren dürften. Ich fragte dann jedes Mal die Radfahrer, ob es denn Verkehrsschilder gebe, die anzeigen würden, ob in einer Einbahnstraße Radfahrer in beide Richtungen unterwegs sein dürfen. Ja, die gibt es. Und sie wurden mir auch immer eifrig beschrieben. Und warum gibt es diese Hinweisschilder, wenn ihr in allen Einbahnstraßen fahren dürft? Themawechsel …
Bei dem zweiten heiß geliebten Radfahrerthema, dem Überfahren von Kreuzungen bei Rot, war für mich Ende der Diskussion, wenn ein Radfahrer gelassen meinte, es sei doch sein Leben, das ginge doch niemanden etwas an …
 
2000
Während meiner Reise nach Sydney saß ich vor Beginn der Olympischen Spiele beim Frühstück in meiner netten Pension. Es sind wieder neue Gäste eingetroffen und verschaffen mir ein paar Dämpfer für meinen Hamburg-Stolz. "From where?" "Hamburg, Germany" "Oh, Hannover" Die wissen gar nicht, was sie einem da antun. (Der Grund, dass die Australier Hannover kennen kann nur die EXPO sein, deren Ableger im Olympia-Park viel besucht ist).
Da kommt eine ganze Familie und setzt sich. Liegt Hamburg an der Küste? Ja, fast, ein bisschen die Elbe rein, aber ... Die was? Elbe, großer Strom in die Nordsee. Nordsee? Betretenes Schweigen. Hamburg ist einer der größten Häfen der Welt. Immer noch Schweigen. ... HSV ... ? Ach vergessen wir's lieber ... Und als besondere Überraschung präsentiert mir die Wirtin zwei Deutsche, die auch aus "Bämbörg" kommen. Wir drei hatten noch viel Spaß.
 
2000
Beach-Volleyball am Bondi Beach: Ein Spiel zwischen Brasilien und Schweden. Die Schweden sind natürlich hoffnungslos unterlegen, sowohl auf dem Feld als vor allem auch auf den Tribünen. Da schleicht sich ein (lebensmüder??) Schwede in einen Pulk brasilianischer Fans und schwenkt seine riesige schwedische Flagge. Schon glaube ich an ein böses Handgemenge, als die Flagge verschwindet. Aber sie taucht am oberen Ende des brasilianischen Pulks wieder auf und wandert über Kopf die ganze Menschenmenge herunter, als wäre es ihre eigene.
Man stelle sich mal vor, beim Fußball würde eine Schalke-Flagge in die Nähe eines Dortmunder Fantrupps kommen ... Man stelle sich dies lieber nicht vor ...
 
2000
Volleyballspiel Korea gegen Jugoslawien. Neben zwei aufopfernd kämpfenden Teams - für beide ist das Spiel die letzte Chance auf das Viertelfinale - zeigen die Fans olympischen Spirit.
Die Brasilianer - vom vorigen Spiel übrig geblieben - freunden sich mit den Koreanern an, schwenken in gelb-grünen Trikots weiße Korea-Flaggen und während das Spiel bei 2:2 Satzgleichstand auf der Kippe steht, tanzen koreanische und jugoslawische Fans während eines Time-Outs gemeinsam Sirtaki.
Wenn wir das mal in der Politik erreichen könnten ...
 
2000
Auf dem Rückflug von Sydney ist ein längerer Stopp in Bahrain, wo wir um 8 Uhr Abends eintreffen. Immerhin klappt mit dem Transfer zum Hotel alles, ich werde direkt am Ausgang von einem Mann mit Schildchen und meinem Namen begrüßt. Mein Fahrer zeigt sich aufgeschlossen, als er hört, dass ich aus Sydney komme. "Schon toll mit Olympia" meint er, vorher hat niemand die Stadt gekannt und jetzt ist sie in aller Munde."
 
2004
Madonnas Version von "American Pie" wird noch oft im Rundfunk gespielt. Wir sind im Reisebus mit der CVJM-Mannschaft, fast alles Jugendliche. Unser Busfahrer stellt das Autoradio an. Plötzlich wird die Originalversion von "American Pie" von Don McLean aus dem Jahre 1971 gespielt. Und aus der Sitzreihe hinter mir höre ich prompt die Bemerkung: "Hör mal, da covered schon jemand Madonnas Song."
 
 
 

 

 

 

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